Der Sawyer-Effekt – spielend arbeiten

Mich beschäftigt zur Zeit das Thema, was uns Menschen eigentlich umtreibt. Ist es Geld? Macht? Konsum? Ansehen? Vermutlich spielen diese Dinge eine Rolle.

Aber das ist sicherlich nicht alles. Zu diesem Thema wurde mir von Kollegen das Buch „Drive: The Surprising Truth About What Motivates Us“ von Daniel Pink empfohlen. Ein spannendes Buch. Im Kern handelt das Buch von intrinsischer Motivation. Ein Kapitel fand ich besonders spannend. Es geht darum um den „Sawyer-Effekt“.  Was es damit auf sich hat, habe ich in diesem Blog Post zusammengefasst.

„Nur das, was Geld kostet, ist etwas wert“ – wirklich?

Für viele ist Geld ein guter Motivator. Es dient als Entgelt dafür, dass – teils unliebsame – Aufgaben für einen anderen erledigt werden.

Dieser Ansatz hat jedoch Fehler: die Auslobung einer Bezahlung hilft sicher dabei, eine Person zu finden, die sich einer Aufgabe annimmt.  Geld bietet aber keine Garantie dafür, dass die optimale Lösung gefunden wird. Im Gegenteil: es gibt mittlerweile Indizien dafür, dass Bezahlung Menschen dazu verführt, nicht nur den kürzesten, sondern manchmal auch ethisch fragwürdige Wege zu gehen, um ein Ziel zu erreichen (siehe Daniel Pink, Kapitel „Unethical Behavior“).

Damit entsteht ein Dilemma: mit Geld ist es möglich, Menschen zu finden, die bestimmte Aufgaben lösen können. Die Bezahlung selbst führt jedoch nicht automatisch zu einer optimalen Lösung. Im Gegenteil: trotz immer höheren Summen werden kurzfristige und oftmals fragwürdige Lösungen gewählt. Weniger Geld funktioniert jedoch auch nicht, da sonst niemand zur Problemlösung zur Verfügung steht.

Der Sawyer-Effekt

Wie kann es sein, dass trotz einer sehr guten Bezahlung die Motivation zu einer exzellenten Arbeit nicht gegeben ist?

Daniel Pink hat dazu eine Antwort in Mark Twains Roman  „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ gefunden:

Eines Tages bekam Tom die Aufgabe, Tante Pollys Zaun zu tünchen. Tom war wenig begistert von dieser Aufgabe.

Er versuchte nun,  einen Freund für diese Aufgabe zu bezahlen. Er bemerkte jedoch, dass seine Mittel vielleicht dazu ausreichten, um einen Arbeitstausch zu erkaufen, nicht jedoch, um auch nur eine halbe Stunde wahrer Freiheit zu bekommen. Dann hatte er eine Idee.

Als sein Freund Ben vorbeischlenderte, verspottete er Tom für seine traurige Aufgabe. Doch Tom erklärte: „Es mag Arbeit sein oder auch nicht. Ich weiß jedoch: mir macht’s Spaß! Kommt ein Junge denn jeden Tag dazu, einen Zaun zu streichen?“ Er setzte konzentriert seine Arbeit fort.

Ben beoachtete ihn und die Sache interessierte – fesselte – ihn immer mehr. Nach einer Weile fragte er Tom, ob er wohl ein bissche streichen dürfe.

Tom lehnte dies ab: „Nein nein, es geht wohl nicht. Tante Polly nimmt’s sehr genau mit dem Zaun. Er muss sehr sorgfältig gestrichen werden, kaum einer von tausend Jungens ist imstande, dies zu tun“ Nun war Bens Begeisterung nicht mehr zu bremsen.

Tom lehnte immer noch ab: „Siehste nicht, dass ich in der Klemme sitze? Wenn was passiert…“ – „Quatsch, ich mach’s genauso vorsichtig. “ Als sich Tom immer noch zierte, bot Ben ihm sogar einen Apfel an. Tom übergab scheinbar widerwillig den Pinsel und Ben machte sich eifrig an die Arbeit. Tom konnte weitere Jungs für diese Arbeit begeistern, und so wurde Tom nicht nur um einige Äpfel reicher, sondern konnte seine Aufgabe auch früher zu Ende bringen.

Mark Twain fasst diese Episode so zusammen: Tom hatte ein Gesetz des menschlichen Handelns entdeckt. „…um das Begehren eines Menschen zu erwecken, ist nicht weiter nötig als die Sache schwer erreichbar zu machen…“ Er stellt außerdem fest: „Arbeit besteht darin, was man zu tun verpflichtet ist.  Spiel besteht darin, was man nicht zu tun verpflichtet ist.“ (Twain, S. 27)

Mark Twain bemerkte ein weiteres Phänomen: „Es gibt in England reiche Herren, die im Sommer täglich verkehrende vierspännige Reisekutschen zwanzig oder dreißig Meilen weit lenken, weil dieses Vorrecht sei ziemlich viel Geld kostet; böte man ihnen aber Lohn für diesen Diesnt, so würde es zur Arbeit, und dann gäben sie ihn auf.“

Es ist also möglich, „Arbeit in Spiel“ zu verwandeln.  Der Zwang fällt weg. Menschen können sich aus intrinsischen Gründen für die Erledigung entscheiden. Und natürlich auch umgekehrt: „Spiel kann in Arbeit“ verwandelt werden. In diesem Fall wird die Motivation durch  extrinsische Motivatoren getrieben. Dies kann aber auch Menschen demotivieren, etwas zu tun.

Dieser Zusammenhang zwischen Arbeit und Spiel wird von Daniel Pink als Sawyer-Effekt  bezeichnet.

Und wie löst der Sawyer-Effekt nun unser Dilemma?

Der erste Schluss ist NICHT, dass Geld nicht benötigt wird. In unserer Gesellschaft ist Geld ein unabdingbarer Faktor, um sein Leben zu finanzieren und Sicherheit zu schaffen. Die Erkenntnis ist daher, dass genau so viel Geld gezahlt werden muss, um das grundsätzliche Bedürfnis nach Versorgung und Sicherheit zu befriedigen.

Jeder weitere äußere Anreiz durch Geld oder Belohnungen würde keinen weiteren Effekt mehr bringen. Im Gegenteil: Menschen, die sich für die am Arbeitsplatz gebotenen Herausforderungen interessieren, würden dem Sawyer-Effekt nach ihr Interesse verlieren.

Umgekehrt würde der Anreiz steigen, wenn der Fokus dieser auf den Herausforderungen dieser Aufgabe liegen würde. Menschen, die aus einem inneren (intrinsischen) Antrieb heraus sich immer wieder den Herausforderungen ihrer Aufgaben stellen dürfen, würden demzufolge auch auf höhere Lohnzahlungen verzichten, da dies keinen weiteren Anreiz schaffen würde.

Natürlich entsteht dadurch auch für Unternehmen eine komplexere Herausforderung: wie findet und bezahlt man die richtigen Menschen, um anstehende Aufgaben zu lösen? Wie schafft man ein Arbeitsumfeld, in dem Mitarbeitende nicht durch Zwang, sondern mit spielerischer Leichtigkeit ihre Verantwortung erkennen und Herausforderungen  lösen?

Zusammenfassung

Gerade für Aufgaben, bei denen saubere, durchdachte Lösungen essenziell sind, sind althergebrachte Motivatoren wie Geld nicht hilfreich. Der Sawyer-Effekt zeigt einen Weg auf, mit dem Aufgaben durch intrinsische Motivation erfolgreich gelöst werden können.

Voraussetzung dafür ist, dass Grundbedürfnisse erfüllt werden. Die Herausforderung beginnt darin, ein Arbeitsumfeld zu schaffen. das Mitarbeitern hilt, den Fokus auf Herausforderungen und Verantwortungen zu richten und diese spielerisch zu lösen.

Diesen Weg zu beschreiten wird viele Unternehmen, Mitarbeiter und Führungskräfte vor völlig neue Herausforderungen stellen. Denn spielerischer Umgang bedeutet eine Abkehr von Perfektionismus und weitreichenden Plänen. Fehler gehören zu dieser Kultur genauso wie konstantes Lernen, wiederkehrende Unsicherheit und Experimentieren.

Ein Rückfall in die einfacheren Werkzeuge der extrinsischen Motivation wird daher vorkommen. Wenn dieser Weg Menschen und Unternehmunge erfolgreicher macht, wird die Bereitschaft vorhanden sein, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Neue Runde, neues Spiel.

Literatur:

  • Pink, Daniel H. Drive: The Surprising Truth About What Motivates Us. ISBN: 9781101524381. E-book. Version 6
  • Twain, Mark. Tom Sawyer und Huckleberry Finn. ISBN: 978-3-86647-698-1. Anaconda Verlag, 2011
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